aus ungeklärten gründen Solche Dinge ereignen sich immer, wenn es besonders unpassend ist. „Chef,“ sagte ich, „erinnern Sie sich, ich habe Sie gestern um diesen Termin gebeten.“

„Gehen Sie schon!“ hat er geantwortet.

„Aber denken Sie an den Auftrag von Lessmann, dass der uns bloß nicht durch die Lappen geht. Wenn Sie damit fertig sind, empfehle ich Ihnen, noch mal bei ihm anzurufen. Der Auftrag ist Gold wert.“ ...wenn Sie damit fertig sind damit ....damit ...womit?

 

Wie kann man eine solche Angelegenheit nur als „damit“ bezeichnen? Er steht mitten im Leben, ihn interessiert nur der Auftrag von Lessmann und morgen ein Auftrag von Müller und dann einer von Meier und so weiter. Hauptsache der Laden läuft.

 

Dass es auch noch so heiß sein muss. Mindestens dreißig Grad da draußen. Und dann die engen Klamotten und die Krawatte und die engen Schuhe. Hier in der Halle ist es deutlich kühler. Als ich hereinkam, war es im ersten Augenblick wie eine Erfrischung. Nur der Anlass erlaubt es nicht, sich frisch und belebt zu fühlen.

 

Die Stühle sind wie immer hart und unbequem. Sicherlich werde ich hier eine knappe Stunde sitzen müssen, bis alles vorbei ist. Wenn man zwischendurch zum Aufstehen genötigt wird, beim Vaterunser etwa, wird es eine Erholung sein für den Hintern und für die Knie. Einstweilen wird man sitzen müssen und warten.

 

Da steht sie, die Kiste. Auf die äußerlich edle Art geschreinert, mit sterilen und teuren Blumen geschmückt, davor die Kränze mit Schleifen. Bettina. Deine Kinder Jörg und Mareike. Deine Mutter. Ein letzter Gruß.

Diese Blumen und Kränze verströmen einen intensiven und herben Geruch. Der Duft wirkt genau so künstlich wie die Blumen, in Gewächshäusern herangezogen, schnell, unerbittlich gedüngt, einem einzigen Zwecke dienstbar: Ein letzter Gruß, drei Tage mindestens haltbar.

 

Der Sarg. Darin liegt Frank. Tot. Vor genau einer Woche habe ich noch mit ihm gesprochen, über dies und das, über die Arbeit, über das bevorstehende Wochenende. Er müsse mal wieder etwas mit Bettina unternehmen. Die Krise, die sie wochenlang beredet haben, sei fast beendet. Vermutlich nicht durch eine Lösung, sondern durch Ermüdung, durch ständiges Reden im Kreise. Zum Schluss: „Mach es gut.“ „Selber auch.“ „Grüße an Bettina.“

 

Im Sarg liegt Frank. Wirklich? Der Sarg ist geschlossen. Man wird ihn nicht wieder öffnen. Von hier aus geht es zum ausgegrabenen Loch, rituelles Einsenken, fertig. Man wird sich nicht mehr überzeugen können, ob Frank in der Kiste liegt oder ein anderer oder niemand. Man könnte hier derart über den Tisch gezogen werden, unglaublich. Aber warum sollte man so etwas tun?

 

Der Gedanke entwickelt sich nur, weil man das Unmögliche erhofft. Im Sarg liegt möglicherweise jemand, den man nicht kennt. Und man sitzt hier und verfolgt Franks letzte Reise. Aber Frank spaziert unterdessen an einem Seeufer entlang, ist lebendig und vergnügt. Irgendwann trifft man Frank wieder, erzählt ihm die ganze Geschichte. Frank schlägt sich auf die Schenkel, lacht: „Das könnte euch so passen, ich lebe noch, quicklebendig, ich gebe mir noch ein paar Jahrzehnte. So schnell noch nicht, bitte sehr.“

 

Man hört geradezu seine Art zu sprechen, seine Stimme, das unentwegt auftrumpfend Positive, diese ständige Dominanz, Einwände und Zögerlichkeiten hinwegfegend. Zweifellos liegt Frank im Sarg, niemand sonst, oder das, was von Frank übrig geblieben ist. Bei meinem Anruf bei Bettina sagte sie, der Beerdigungsunternehmer habe davon abgeraten, Frank noch einmal anzusehen. „Behalten Sie ihn so in Erinnerung, wie Sie ihn zuletzt gesehen haben“, hatte er gesagt. „Ich habe mich daran gehalten“, hatte Bettina durchs Telefon seltsam teilnahmslos mitgeteilt. „Aber ich bin unsicher“.

 

„Tue, was der Mann gesagt hat“, habe ich geantwortet. Ob Bettina sich den Sarg noch einmal hat öffnen lassen? Ich werde sie später danach fragen.

 

Was mag da in der Kiste liegen? Frank, zweifellos Frank. Aber welcher Frank? Ein Frank, der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gegen halb drei in einer leichten Kurve von der Fahrbahn abgekommen ist, „aus ungeklärten Gründen“, so die Samstagszeitung, und seitlich gegen einen Baum geschleudert wurde. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Wagen schweißen. „Der Unfallarzt konnte nur noch den Tod des Fahrers feststellen.“

 

Eine relativ kleine Meldung auf der Lokalseite mit einem Foto eines völlig zerstörten Fahrzeuges, vermischt mit längeren Meldungen über die Entwicklung eines neuen Baugebietes und über die 25-Jahr-Feier irgendeines Autohauses und anderes.

 

Ich habe das Foto gesehen, überflogen, „wieder so ein Idiot“ gemurmelt, die nächste Seite aufgefaltet. Ich hätte auf dem Foto Franks Wagen erkennen müssen. Aber nein. Es kommen doch verlässlich immer nur Menschen ums Leben, die man nicht kennt. „Der Arzt konnte nur noch den Tod des Fahrers feststellen“, immer nur den Tod von Menschen, die einem gleichgültig bleiben dürfen, deren Leben nie etwas mit dem eigenen zu tun haben. Nur dieses Mal war es anders. Dieses Mal war es Frank, „aus ungeklärten Gründen“.

 

Die Kühle der Halle ist angenehm. Es kommen immer mehr Menschen her, schlurfend, sich räuspernd, langwierig einen Platz suchend. Die Bankreihe, die man wählt, markiert den Abstand zum Toten und zum ehemals Lebendigen. Erste Reihe, natürlich Bettina und die Kinder und seine Mutter. Wo ist eigentlich Jörg?

 

Die zweite Reihe: Irgendwelche Angehörige, allerengste Freunde. Ich habe mit Reihe 5 eine Nähe von etwa 40 Prozent gewählt. Alle, die eine nähere Bankreihe wählten und die mir nicht bekannt sind, machen mich unsicher, ob ich nicht ein wenig mehr nach vorne gehört hätte. Schneller Blick nach hinten. Die meisten kenne ich nicht. Möglicherweise Nachbarn, irgendwelche Arbeitskollegen. Man wartet auf den Beginn der Zeremonie. Kaum einer spricht. Scharren mit den Füßen. Irgendjemand hustet laut.

 

Dieses Husten. Ob zu Beginn eines Theaterstückes, einer Oper, eines Konzertes, in die Stille einer wartenden Menge hustet immer jemand, vernehmlich, man kann sich darauf verlassen. Wer will sich damit vergewissern, dass er anwesend ist, dass er durch Husten mitteilt, nicht zur großen, schweigenden Masse zu gehören, die nichts anderes tut als zu warten? Es muss Spass machen, eine Menschenmenge durch Husten dazu zu zwingen, die Existenz eines Unverstandenen zur Kenntnis zu nehmen.

 

Nur nicht untergehen, die Existenz unter Beweis stellen, sich unsterblich machen für einen kurzen Moment, einen Hauch Berühmtheit erhaschen durch einen Hustenreiz. Ein Reiz, der straflos bleibt, weil er vorgibt, die Kehle zu reinigen.

 

Die Orgel, die nun einsetzt, klingt hell und billig. Der Anfang ist gemacht,der Anfang eines künstlichen Rituals, dem Frank in seinem kranzgeschmückten Sarg nicht mehr entfliehen kann. Frank wird es nicht hören können. Frank ist jetzt in einem Zustand, in dem er vor seiner Geburt schon Millionen und Milliarden Jahre war, ein Zustand, in welchem ihm Saurier, Eiszeiten, Cäsar und Napoleon nichts bedeuteten.

 

Frank ist wieder da, wo er schon einmal war, als es ihn noch nicht gab. Frank kann nicht mehr darüber befinden, ob es ihn jemals gegeben hat. Eigentlich keine schlechte Situation.

 

Ich war schließlich auch einmal dort. Millionen und Milliarden Jahre hat es mir nichts ausgemacht, diesen Zustand der Nichtexistenz zu haben. Es war eine Form totaler Gleichgültigkeit. Wir alle, die wir hier in dieser Halle sitzen, werden diese Gleichgültigkeit erneut erlangen, früher oder später. Wir alle werden dann nicht wissen, ob wir jemals existierten und ob es uns etwas bedeutete.

 

Wir alle. Das beruhigt. Wir heißt: nicht ich allein. Wir heißt: ich auch. Auch. Demnächst ich auch. Auch heißt: Vorher bitte noch ein paar andere.

 

Der Pfarrer kommt. Mit seinen Händen weist er darauf hin aufzustehen. Eine gute Gelegenheit, den Hintern zu entlasten und die Beine auszuschütteln, unmerklich. Unser Körper ist es, der uns zu schaffen macht. Er quengelt hier und quengelt da. Dauernd muss man sich mit seinen Unzulänglichkeiten abfinden, unerträgliche Hitze im Sommer aushalten, im November einen Schnupfen kurieren. Die Müdigkeit des Abends ertragen, die uns zwingt, diesen Körper für einige Stunden zur Ruhe zu bringen, damit es am anderen Tag wieder unbeschwerter weitergehen kann.

Und das sind nur Kleinigkeiten. Größere Mängel müssen operiert oder mit monatelanger Zufuhr von Medikamenten behoben werden, falls es überhaupt gelingt.

 

Franks Körper war nicht stabil genug, den Aufprall seines Wagens gegen diese Buche zu überstehen. Franks Körper wurde ausgeschaltet. Schluss, aus. Ist genug jetzt. Einige überlebenswichtige Teile sind zu sehr beschädigt. Wir schalten ab, vielleicht noch ein paar Sekunden auf Standby, um Frank mitzuteilen, dass die Zeit der Trennung gekommen ist. Danke, war schön, wir hatten viel Spaß zusammen. Hätte gerne noch ein paar Jahre weiter gemacht, aber wie gesagt, diese Buche. Aha, wieder setzen.

 

Wer hat eigentlich vor langer Zeit diese Buchecker genau an dieser Stelle in die Erde gebracht, nur zu dem Zweck, damit ein oder zwei Jahrhunderte später Franks Wagen an diesem Baum zerschellt? Zu diesem Zweck? Welchem Zwecke war sie sonst noch geweiht? Hatte diese Buche 150 Jahre nur auf Franks Wagen gewartet? Wurde Frank durch einen entgegenkommenden Wagen geblendet? Hätte er auch langsamer durch diese Kurve fahren können? Oder ein wenig später oder früher bremsen können? Ein wenig mehr oder weniger einlenken können?

 

Vermutlich hätte diese Buche dann vergeblich gewartet. Sein Wagen wäre rechts oder links an dieser Buche vorbei geschleudert, hätte einen einfachen Weidezaun durchbrochen, sich in der offenen Wiese mehrere Male überschlagen. Frank hätte sich aufgerappelt, sich gewundert, seinen Körper auf Schmerzsignale abgefühlt, wäre aus dem Wagen gestiegen, hätte seinen Wagen schließlich auf Beulen untersucht.

 

Frank hätte geflucht, den Schaden an seinem Auto auf ein paar Tausend beziffert, wiederum geflucht, einen Blick auf die Buche geworfen, die aufgewühlte Erde neben der Buche taxiert, gemurmelt: „Alles in allem noch einmal verdammtes Glück gehabt.“

 

Vielleicht säße ich in diesem Falle nicht hier, sondern in Franks Wohnzimmer. Er hätte eine stabilisierende Halskrause um seinen Kragen. Er würde schimpfen, dass er dieses Ding leider noch eine ganze Zeit tragen müsse, sich darüber beschweren, dass die Dinge mit der Versicherung auch nicht so problemlos liefen wie erwartet. „Aber die Prämien sind immer – zack – abgebucht.“

 

So hätte es auch geschehen können. Aber da Franks geschundener Körper da vorne in der Kiste liegt, ist es – unwiderruflich – anders gekommen.

 

So, wie etwas geschehen ist, lässt es sich immer nachher als absolut vorher bestimmt bezeichnen. Von der Möglichkeit, dass an dieser Stelle gar keine Buche steht, weil vor einhundert oder zweihundert Jahren diese Buchecker dort gar nicht keimte, sondern wegen vieler Regenwochen hinweg geschwemmt wurde, bis zu der Möglichkeit, dass Frank in dieser Nacht nicht unterwegs war, sondern in seinem Bett gelegen hätte, gäbe es viele Möglichkeiten, die Franks Existenz heute noch gesichert hätten.

 

Was sagt der Pfarrer gerade?„....der Herr in seinem Ratschluss....“? Von wegen „Ratschluss“. Der Zufall, der blinde Zufall hat Franks Leben beendet. Der gleiche Zufall, der sein Leben begründet hat. Der Zufall, der das Leben aller hier, meines auch, begründet hat und der Zufall, der diese Leben beenden wird wie meines.

 

Im Januar wird eine neue Statistik erscheinen. „Im vergangenen Jahr konnten wieder weniger Verkehrstote verzeichnet werden als im Jahr davor, obwohl 9 Prozent mehr Kraftfahrzeuge zugelassen wurden.“ Dieses Mal war Frank dabei.

 

Franks Leben ist zwar beendet, sein Tod aber nicht, zumindest nicht statistisch. In irgendeiner Rubrik lebt sein Tod fort. Was mag es da geben? Blechschäden? Verletzte? Unfalltote? Suizidverdacht? Geisterfahrer? Kreuzungsbereiche? Autobahnen? Bundesstraßen? Landstraßen? Aus ungeklärten Gründen?

 

Im Statistikamt stellen Computer und Menschen diese Tabellen zusammen, lassen Grafiken erstellen, beschreiben vermutete Zusammenhänge, werten aus. Franks Tod erhöht irgendeinen Wert um eins und lässt die Diagrammsäule „Aus ungeklärten Gründen“ geringfügig anwachsen, kaum wahrnehmbar. Der Zufall, nicht vorhersehbar, wenigstens nachträglich eingefangen in einem Statistikwert.

 

Vor zwei Wochen etwa habe ich ihn gefragt, ob etwas mit ihm sei. Er wirkte fahrig, unkonzentriert, ein wenig hektisch, humorlos. „Frank, hast du 'was?“

„Nicht der Rede wert. Ein paar Probleme mit Bettina. Kommt in den besten Familien vor. Wird schon wieder!“

Das war Frank. Immer nur die Aktiva des Lebens sind von Bedeutung. Alles wunderbar.

„Jörg hat sein Abitur gemacht, mit 1,7.“

„Mareike hat ihren Führerschein, mit der geringsten Anzahl an Fahrstunden, die möglich ist.“

„Wenn Schlösser in den Außendienst geht, hat mir der Chef seine Stelle versprochen. 'Sie sind er Einzige, den ich dafür vorgesehen habe', hat er gesagt.“

„Ich habe vor zwei Wochen eine Prämie bekommen. Mehr als ich dachte, viel mehr.“

Immer nur die Aktiva.

„Den Wagen ungeheuer günstig bekommen. Mächtig herunter gehandelt.“

„Erfolgreiches Gespräch mit der Bank, sie haben die Hypo-Zinsen noch einmal um 0,3 gesenkt. Waren aber ohnehin schon ziemlich unten.“

„Ich denke daran, einen Segelbootschein zu machen.“

Die Aktiva waren es, die Frank bestätigten, dass er existierte. Die Aktiva waren seine Hustenreize. Seine Aktiva gaben ihm die Rolle, seine Bühne waren wir.

 

Da er aus ungeklärten Gründen auf die Welt gekommen war und aus ungeklärten Gründen wieder verschwand, wollte er wenigstens zwischendurch uns gegenüber, die wir auch aus ungeklärten Gründen existierten, einen Hauch von Sinn erzeugen.

„Schaut, weswegen ich da bin, schaut auf meine Aktiva.“

Und die Passiva?

„Hätte Mareike nicht in diesem Jahr ihr Abitur machen sollen?“ - „Was, Mareike? Nein, erst im nächsten Jahr. Ehrenrunde in der Mittelstufe, habe ich dir das nicht gesagt? Wie Einstein. Kommt in den besten Familien vor.“

„Nicht der Rede wert. Ein paar Probleme mit Bettina. Kommt in den besten Familien vor. Wird schon wieder! - Wenn es wichtig wäre, würde ich mit dir darüber reden, nur mit dir.“

Die Passiva waren die Stolperer und Versprecher im Bühnenprogramm. Nicht der Rede wert. Kommt in den besten Familien vor.

 

Wo war Frank in der Nacht von Donnerstag auf Freitag? Sein Beruf erfordert keine nächtlichen Aktivitäten. Welchem warmen Bett ist er entschlüpft, um mit schlechtem Gewissen - und daher ein wenig zu schnell - heimwärts zu rasen?

 

War es das? Gehörte zu seinen Aktiva schließlich auch noch eine kleine Freundin, die kompensieren sollte, dass Bettina immer mehr Teil des Alltags wurde, unverschuldet. Ein junges Mädchen, welches die Aufgabe hatte, ihn auch auf diesem Terrain zu bestätigen, nachdem alle anderen Bereiche der Bestätigung sondiert waren? Eine kleine Freundin, die neben der erwarteten unkomplizierten Affäre allmählich begann, sein Leben in Unordnung zu bringen, sein Gewissen belastete, sein Verhalten veränderte, sein Verhalten so veränderte, dass Bettina die Empfangsleistung ihrer ohnehin sensiblen Antennen steigerte?

 

Ich habe nicht die geringste Ahnung. Was unterstelle ich einem Toten, der sich nicht mehr wehren kann? Wie stehe ich eigentlich zu Frank? Hallensitzreihe etwa 40 Prozent. Macht 60 Prozent freundschaftliche Nähe. Mehr nicht. Dass man das in Prozenten ausdrücken kann. Null Prozent – der Kerl ist mir gleichgültig, 100 Prozent – ich kann nicht ohne ihn leben.

Derzeit 60 Prozent. In der nächsten Zeit wird dieser Prozentwert heruntergefahren. Frank wird in der Erde liegen und einer Zukunft zugeführt, die nichts mehr von ihm erwartet. Die Erde wird sich auf ihre gleichgültige Art um seinen Körper kümmern. Langsam, sehr langsam, aber unaufhaltsam.

 

Wir, die Lebenden, werden uns von Frank trennen. Bettina wird in einigen Jahren sicherlich einen neuen Partner - blödes Wort – zum Leben finden. Ich werde Bettina, die ich nur deshalb kannte, weil ich Frank kannte, aus den Augen verlieren. Es wird zufällige Begegnungen geben.

„Hallo Bettina, sieht man dich auch mal wieder, wie geht es denn so?“ - „Ach, das Leben ist weiter gegangen, Mareike ist jetzt..... und Jörg macht gerade.....“ - „Grüß Sie von mir...“ - „Ja, gerne, werde ich ausrichten...“

 

Sie wird es nicht tun. Sie wird die Kinder beim Einsammeln ihrer Trophäen nicht durch dahin gesagte Grußworte stören. Recht so. Ganz im Sinne von Frank.

Aufstehen. „Vater unser, der du .....ach ja, da du gerade angebetet wirst, ich hätte einige Fragen.“

Dabei war es noch niemals nützlich, Fragen an ihn zu richten, Fragen wie: „Warum hat Frank gelebt? Warum ist er wieder gestorben? Was ist mit allen anderen, die bislang gestorben sind, an Hunger, an Krankheiten, an Unfällen, an Kriegen, an Katastrophen? Warum haben sie erst einmal gelebt, in nicht wenigen Fällen nur wenige Tage, Wochen, Monate?“

 

Er ist immer stumm geblieben.

Weil es ihn niemals gegeben hat? Oder weil er vor Milliarden Jahren als kalter Weltgeist das Universum angeschoben hat und nun nichts anderes tut, als die Wirkung seiner Tat zu beobachten, nicht mehr eingreift? Weiß er schon, an welchem Tage ein aus der Bahn gekommener Asteroid unseren Planeten trifft und jedes Spiel beendet?

Wie wäre es mit diesem Gebet?

 

Vater unser

der wir dir

und deinesgleichen

Totempfähle, Statuen, Kirchen und Moscheen

errichtet haben

um unserem Leben

Kraft, Herrlichkeit

und Sinn

zu schenken,

dein Reich komme.

 

Vater unser

der wir dir

und deinesgleichen

Rollen und Schriften gewidmet haben

um unserer Hoffnung

Nahrung zu geben

ein kleiner Teil

eines großen Planes

zu sein,

dein Wille geschehe.

 

Franks Sarg wird durch den Mittelgang geschoben. Bettina, seine Mutter und Mareike folgen, ernsthafte Mienen, gefasst, unmerklich prüfend, wer der Einladung zu Franks Heimgang – kein unpassendes Wort – nachgekommen ist. Wo ist eigentlich Jörg?

 

Wir anderen reihen uns ein, verlassen die kalte Trauerhalle. Draußen empfängt uns die Sommerhitze, wärmt uns Lebendige die ausgekühlte Haut wieder auf, nur uns noch Lebenden.

 

Wir folgen Frank bis zu seinem Erdloch. Für uns alle wird es eines Tages ein Erdloch geben, das uns aufnimmt, unsere Suche beendet, die Aktiva des Lebens, die wir gesammelt haben, zurück lässt, der Erbmasse zufügt. Es war eine schöne Zeit.

 

Vater unser

der wir dich

und deinesgleichen

erfunden haben

aus Angst

zu leben

und zu sterben

aus ungeklärten Gründen,

erbarme dich unser.

 

Ich werde noch drei Schaufeln Erde auf Franks Sarg werfen, Bettina, seiner Mutter und Mareike die Hand geben, irgend etwas murmeln. Es wird Zeit, dass ich Lessmann anrufe. Der Chef hat recht, der Vertrag ist Gold wert. Er sollte uns wirklich nicht durch die Lappen gehen.


Monday, 4. june 2012 1 04 /06 /Juni /2012 00:24

blaue treppe


Sunday, 3. june 2012 7 03 /06 /Juni /2012 00:32

fischbrötchen in friedrichstadt Wie streng man als Calvinist der Überzeugung ist, dass die Festigkeit des Glaubens an Gott zum Heil des Menschen führt, mag heutzutage nur noch Theologen oder Historiker zu Streitgesprächen verleiten. Anfang des 16. Jahrhunderts konnten solche Dispute dazu führen, dass Städte gegründet wurden.

 

Herzog Friedrich III. aus dem Hause Schleswig-Holstein-Gottorf gründete jedenfalls 1621 südöstlich von Husum zwischen Treene und Eider das Städtchen Friedrichstadt und warb um die holländischen Remonstranten, die sich um diese Zeit mit anderen Calvinisten um den richtigen Glauben stritten. Diese folgten der Einladung des Herzogs und brachten neben ihrem Glauben auch gleich die holländische Lebens- und Städtebauart mit.

 

In einer geplanten Stadt verlaufen die Gassen wie die Straßen in Manhattan, nämlich rechtwinklig zueinander. Aber sonst hat Friedrichstadt wenig mit Manhattan zu tun, sondern eher mit der Amsterdamer Altstadt, etwas, was man in New York vergebens sucht. Altstädtisch kragen in Friedrichstadt Stufengiebel in die Gassen hinein. Parallel zu einigen Gassen verlaufen Grachten. Es ist schwer, beim Gang durch den Ort nicht der Illusion zu verfallen, in Alkmaar, dem Geburtsort von Rudi Carell, zu sein. Es fehlt nur noch, dass Käse durch die Straßen getragen wird.

 

Bei unserer Ankunft schließt der Wochenmarkt. Ein großer Käsestand hat noch geöffnet. Die Gelegenheit ist günstig, um übergroße Mengen an Schafs- und Ziegenkäse der verschiedensten Art zu erstehen, wobei sich länger hinziehende Gespräche der käsefachlichen Art entwickeln. Die Mahlzeiten der nächsten Tage werden eine besondere Gewichtung zu Molkereiprodukten hin aushalten müssen. Die Oktobersonne ist freundlich und macht tolerant wie der ursprüngliche Glaube der Remonstranten. Diese gibt es allerdings kaum noch.

 

Dafür wird Friedrichstadt in holländischen Häusern von toleranten und freundlichen Schleswig-Holsteinern bewohnt, die auch Läden mit Fischbrötchen zulassen. Hungrig betreten wir einen solchen Laden. Während wir auf die Zubereitung der Mahlzeit warten, können wir ulkige Schilder an der Wand lesen, zum Beispiel: »Wenn Klugscheißer fliegen könnten, wäre das hier ein Flugplatz.« - Wir halten den Mund und machen keine Gesten, die als Flugbewegung missdeutet werden könnten.

 

Die Fischbrötchen nehmen wir mit und essen sie irgendwo in Friedrichstadt. Ein Mann geht vorbei mit einer Leinentasche und der Aufschrift: »Nun schicke ich meine Leute nach Friedrichstadt, und was bringen sie mit? Diese Scheißtasche.« - Der zusammengeklappte Käsestand wird von einem Geländewagen gezogen an uns vorbeigefahren. Auf der Rückseite steht: »Käse-Uschi kommt.« - Nein, sie fährt weg. Käse-Uschi hat Feierabend.


Saturday, 2. june 2012 6 02 /06 /Juni /2012 00:31

mauer


Friday, 1. june 2012 5 01 /06 /Juni /2012 00:29

Bredenberg, der gerne über alles Mögliche nachdenkt, saß am Abend eines heißen Tages noch in seinem Liegestuhl und betrachtete die Sterne, die heller und zahlreicher wurden.

 

Das also ist der Kosmos, dachte Bredenberg und sinnierte über die Entfernungen zu den Sternen und über die Zeiträume, die das Licht brauchte, um ihn, Bredenberg, zu erreichen. Er versuchte, Entfernungen und Zeiträume zu einer sinnlichen Vorstellung zu verdichten und scheiterte.

 

Bredenberg stellte sich vor, dass irgendwo im Kosmos ein anderer Bredenberg sommerlaunig im Liegestuhl sitzt, und ihn, den richtigen Bredenberg sieht, eigentlich nicht ihn, auch nicht seinen Planeten, aber seine Sonne, Bredenbergs Sonne.

 

Dieser andere Bredenberg, der aus Bredenbergs Sicht Teil des Kosmos ist, denkt, dass auch Bredenberg, der richtige Bredenberg, aus der Sicht des anderen Bredenberg ebenfalls Teil des Kosmos ist. Und Bredenberg schließt daraus, dass er und auch der andere Bredenberg und alle Bredenbergs auf jeden Fall Teil des Kosmos sind, gleichgültig, ob er es denkt oder ein anderer Bredenberg oder alle oder niemand.

 

Wenn also Bredenberg denkt oder ein anderer Bredenberg denkt oder irgend jemand im Kosmos denkt, dann denkt der Kosmos. Wenn der Kosmos denkt, weil Bredenberg denkt, dann denkt der Kosmos mit Bredenbergs Hirn oder mit dem Hirn des anderen Bredenberg oder mit den Hirnen aller, die denken.

 

Bredenberg ist nicht mehr sicher, ob er, Bredenberg, es ist, der denkt, oder ob der Kosmos es allein ist, der denkt, wenn Bredenberg denkt.

 

Und unübersichtlicher noch, wenn Bredenberg nicht irgend etwas denkt, sondern, wie jetzt gerade, über den Kosmos nachdenkt, dann denkt eigentlich der Kosmos mit Bredenbergs Hirn über sich selbst nach. Und mehr noch, der Kosmos denkt auch mit dem Hirn des anderen Bredenberg oder mit allen Hirnen, die denken können, über sich selbst nach.

 

Der Kosmos braucht also, um über sich nachdenken zu können, Bredenbergs Hirn, also Bredenberg selbst. Ein warmes Gefühl steigt in Bredenberg auf. Es kommt auch auf mich an, denkt Bredenberg, ich sollte mehr auf mich achten.

 

Und wenn es mal aus ist mit Bredenbergs Hirn, dann gibt es vielleicht den anderen Bredenberg noch, dessen Hirn der Kosmos zum Denken nutzen kann oder die vielen anderen Hirne im Kosmos, die denken können, denkt Bredenberg. Sehr viele andere Hirne. Der Kosmos ist schlau, denkt Bredenberg, da er milliardenfach für Reserve gesorgt hat.

 

Irgendwo wird gegrillt, denkt Bredenberg, die Sommerluft schnuppernd. Irgendwo denkt man nur über die richtige Temperatur der Grillkohle nach.

 

Muss auch sein, denkt der Kosmos, Bredenbergs Hirn gebrauchend.


Thursday, 31. may 2012 4 31 /05 /Mai /2012 00:43

parktor


Wednesday, 30. may 2012 3 30 /05 /Mai /2012 00:42

grünphase Es kam selten vor, dass der Chef ihn kurz vor Dienstschluss ausgesprochen höflich, Widerspruch nicht erwartend, bat, die Listen der letzten Woche noch einmal kurz „durchzugehen“, wie er sich ausdrückte.

 

Im Gegensatz zu seinem Boss wusste er, dass das Durchgehen der Listen keine Sache von Minuten war, sondern mindestens eine knappe Stunde dauern würde. Diese Stunde wäre von seiner Freizeit, eigentlich von seinem Leben, abzuziehen, ärgerte er sich.

 

Bei der drückenden Hitze im Büroraum und beim Surren des Ventilators fiel die Konzentration schwer, zumal er schon viele Stunden des Tages mit Listen und Dokumenten zugebracht hatte.

Die Bürofenster waren lange nicht geputzt worden. Der Staub heißer Sommertage auf dem Fensterglas ließ nicht nur das Licht im Zimmer gelblich erscheinen, sondern machte die Häuser und Straßen draußen noch grauer und eintöniger als sonst.

 

Unter diesen Umständen konnte er sich nicht entscheiden, ob seiner schlechten Laune oder seiner Müdigkeit der Vorzug zu geben war, wenn es darum ging, die Ursachen seiner unterschwellig gereizten Stimmung zu beschreiben.

 

Wie dem auch sei, das Ende des Arbeitstages war absehbar. Er wusste, dass danach der übliche Fußweg durch die gelblich flimmernden Straßen zu seiner überhitzten Dachwohnung folgen würde, dass er sich ohne Wechsel der Oberbekleidung zunächst auf sein Bett legen würde, um zu genießen, dass er nun bis zum nächsten Morgen frei von jeder Verpflichtung wäre. Diesen Augenblick des Tages genoss er besonders.

 

In solchen Momenten dachte er gelegentlich darüber nach, dass man in seinem Alter Anfang zwanzig mehr aus seinem Leben machen müsste. Wie immer blieb es bei dem Gedanken. Ihm fielen zwar Alternativen wie Disco- und Kneipenbesuche, Radtouren und Wanderungen ein, um festzustellen, dass alle diese Aktivitäten für ihn keine Bedeutung hatten.

 

Er legte das letzte Blatt aus der Hand, überzeugte sich noch einmal, dass der Stapel Papier den Seitenangaben gemäß sortiert war, brachte ihn durch Aufstoßen auf die Schreibtischfläche auf Linie, stand auf und machte sich auf den Weg zum Chefzimmer.

 

"Ich hoffe, ich habe Ihnen diesen wunderschönen Sommertag nicht zu sehr vermiest..." sagte der Chef, "...und jetzt noch ein paar schöne Stunden ins Freibad, oder?"

 

"Nicht nur das...." gab er vor und zwang sich ein Grinsen ab, welches dem Chef signalisieren sollte, dass er das Bad auf keinen Fall allein besuchen würde, sondern in Begleitung einer Frau, die für ihn und andere geheimnisvoll blieb. Er hatte immer das Gefühl, dass er seinem Chef ein aktives und lustiges Leben vorspielen solle. Es schien, dass der Boss einen fröhlichen Freizeitmenschen nach dem Grundsatz "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" gerne sah. Also schmückte er hin und wieder seine Bürokommunikation mit privaten Versatzstücken, die ein aufregendes Leben abends, nachts und am Wochenende aufschimmern ließen.

 

Er verließ das Bürogebäude und bog nach rechts ab. Leichter Wind war aufgekommen, blies die heiße Luft ohne jede Abkühlung vor sich her und wehte hier und da ein paar Papierschnipsel über den Bürgersteig. Er gliederte sich ein in die eilende Fußgängerschar. Viele von ihnen trugen wegen der schon Tage währenden Sommerhitze leichte und bunte Bekleidungen, um der Schwüle zu begegnen oder - ähnlich wie beim Fasching - der Jahreszeit zu huldigen.

 

Bis zur Fußgängerampel, die seine Überquerung wie immer über die Stadtstraße absicherte, war es nicht mehr weit. Er gehörte mit einigen anderen zu den ersten, die sich auf eine längere Wartezeit einrichten mussten, bevor die Ampel auf der Straßeninsel, die die vierspurige Straße in jeweils zwei Spuren aufteilte, die Überquerung der ersten Hälfte durch ein forsch daher schreitendes grünes Lichtmännchen genehmigte.

 

Die Ankunft auf der Insel würde ihm und allen anderen noch einmal eine ordentliche Wartezeit bis zur erlaubten Überquerung der restlichen zwei Fahrspuren durch eine zweite Ampel abnötigen.

Den Blick auf die erste Ampel gerichtet, wartete er wie immer auf das Umspringen des Lichtsignals, während sich die Zahl derjenigen, die die Genehmigung zum Gehen herbeisehnten, ständig erhöhte.

 

Es war eben alles wie üblich, wie an jedem Tag. An anderen Tagen waren es andere Passanten, die sich mit ihm die Straßenüberquerung gemäß Ampelregelung als ernste und pflichtgemäße Aufgabe vornahmen, dennoch verliefen die Bewegungen immer synchron, eintönig und gleichmäßig.

 

Von oben muss es aussehen wie beim Wiener Opernball, dachte er sich manchmal. Wenn einmal ein Mitglied der Überquerungsgemeinschaft wegen besonderer Eile oder wegen des Bedürfnisses, sich von der Masse sichtbar abzusetzen, die Grünphase nicht abwartete, wurden die Gesichter der anderen eine Spur ernster.

 

In einigen der Passanten wuchs der Wunsch, es dem Ausreißer gleich zu tun, ohne dass der Vorstellung Folge geleistet wurde. Die meisten Fußgänger begnügten sich mit dem ärgerlichen Gedanken, was denn nun geschähe, wenn es alle so machten.

 

Während er auf das Ampellicht starrte, um keinesfalls den Signalwechsel zu verpassen, wehte ihm der Wind eine blonde Haarsträhne ins Blickfeld, die zu einer sehr weiblichen Person rechts von ihm gehörte. Ohne den Kopf zu wenden, schielte er in diese Richtung. Augenblicklich wurde ihm heiß, das Blut stieg ihm ins Gesicht. Die sehr helle, blonde Strähne gehörte zu einer Frisur, die sich ihm, als er den Kopf unmerklich drehte, augenblicklich und unauslöschlich einprägte.

 

Das Geschöpf trug die blonden Haare einfach und scheinbar unfrisiert, die seitlichen Spitzen waren nach vorne gerichtet und etwas länger als die Haare, die knapp unter dem Ohr sauber abgeschnitten waren. Zum Nacken war der Schnitt etwas höher angelegt. Der heiße Wind sorgte für eine aufregende, leichte Bewegung.

 

Er konnte das Gesicht nicht erkennen. Er hätte nach vorn auf die Straße treten und dann wieder nach hinten schauen müssen, um sie anzusehen. Inständig hoffte er, dass das Ampelsignal noch nicht so schnell wechselte.

 

Er wollte gerne noch eine Weile so stehen, einfach nur so stehen und aus dem Augenwinkel die hellblonden Haare im Wind betrachten, er wollte das Ansteigen seines Pulses genießen, das Blut spüren, das ihn mit seiner Hitze aus dem Sommerbuntgrau des Feierabends riss.

 

Er wollte einfach nur stehen bleiben, den Wind bitten, er möge immer wieder ihre Haare, die ihren Nacken ohnehin nicht sehr bedeckten, aufwirbeln, so dass mehr zu sehen wäre von dieser wundervollen Haut.

 

Er gäbe viel, um seinen Platz mit dem des Passanten genau hinter ihr zu tauschen. Vermutlich war das ein Mensch, der mit einem solchen Anblick nichts anzufangen wusste, der sich vielleicht nur darüber ärgerte, dass jemand vor ihm stand und ihm den angestammten ersten Platz am Straßenrand weggeschnappt hatte.

 

Er hatte das Gefühl, dass es ihm schon warm und heiß geworden sein musste, als er sie noch gar nicht aus dem Augenwinkel gesehen hatte.

 

Es mochte sein, dass nur der Tatbestand, dass sie sich neben ihm aufstellte, schon dafür sorgte, dass sein Blutkreislauf außer Kontrolle geriet. Es mochte sein, dass von ihr eine Welle, eine Aura ausging, die für ihn bestimmt war. Es mochte sein, dass ein Gott ihm die Hitze ins Hirn trieb und damit zu verstehen gab, dass er mal einen Blick, einen zaghaften, zärtlichen Blick nach rechts wenden solle.

 

Ob sie ähnlich empfindet, fragte er sich. Die Wärme, die Hitze, die sein Körper erzeugte, müsste ebenfalls eine Welle hervorbringen, die sie empfangen könnte, ja müsste. Das, was er empfand, würde mit Sicherheit eine Aura erzeugen, die für sie, nur für sie, bestimmt war.

 

Er war sich fast sicher, dass auch sie bald aus dem Augenwinkel zu ihm herüber blicken würde. Ein kaum merkliches Signal würde dieser Blick sein, aber ein Signal, das mit voller Wucht und Getöse von nun an das Leben zweier Menschen für alle Zeit in einen Taumel führen würde. Er war sich so sicher.

 

Wenn sie jetzt schauen würde, war es Liebe auf den ersten Blick. Er war bereit für diese Floskel. Später könnte er erzählen: es war am Straßenrand, in einem Sommer, wir warteten auf die Grünphase, es war Liebe auf den ersten Blick. „Doch, das gibt es, wirklich!“

 

Jemand berührte ganz leicht seinen Rücken. Er hatte nicht sofort erfasst, dass das grüne Ampelmännchen unbarmherzig und strikt zum Gehen aufforderte und die wartende Menge dieser Aufforderung genau so unbarmherzig nachkommen wollte. Sie, neben ihm, hatte bereits den ersten Schritt auf die Straße getan und konnte daher gar keinen Blick nach links riskieren, mutmaßte er.

 

Während seines Fußmarsches über die Straße geriet er links hinter sie. So war er ihr einerseits nicht mehr so nahe, andererseits konnte er nun ihre Rückseite ansehen. Mittlerweile hatte sich sein Blutdruck etwas abgesenkt. Daher war er in der Lage, sie ein wenig beruhigter in eine bestimmte Vorgehensweise der Wahrnehmung einzubeziehen, einen Plan, den er immer bei Frauen, die seinem Sympathieschema entsprachen, umsetzte: Figur, Beine, Figur, Gesicht, Figur, Arsch, Brüste, Figur. Seine Position war nicht so, dass alle Punkte der Wahrnehmungssystematik Berücksichtigung fanden.

 

Sie trug auf ihrer rechten Seite eine Umhängetasche aus braunem Leder. Ihre kragenlose Bluse war fast weiß und hatte dezente gelbe und braune Querstreifen. Die Bluse gab ihren Nacken frei. Unmittelbar verspürte er große Lust, ihren weißen Hals ganz leicht mit der Zunge zu berühren, mal hier und mal dort und niemals wieder damit aufzuhören.

 

Ihr Jeansrock, der kurz über diesen wahnsinnigen Kniekehlen endete, drängte sich ihm im Vorwärtsschreiten ausgesprochen reizvoll auf. Mit Befriedigung stellte er fest, dass es keine rückenfreie Zone mit Tätowierung gab.

 

Ihre nackten, weißen Beine entsprachen vollkommen seinem Gefühl, in welchem Bilder griechischer Ästhetik und einfache Lust auf Sex mit diesen Beinen wechselte. Ihre Füße steckten in Riemchensandalen mit leichter Absatzerhöhung. So etwas ließe sich ändern.

 

Er wünschte sich jetzt eine Zeitlupenphase. Es ärgerte ihn, dass sie beide schon bald die Straßeninsel erreicht haben würden. Er hatte zwar alles an ihr wahrgenommen, was er aus seiner Position aufnehmen konnte. Dieser Wahrnehmungsvorgang war jedoch auch mit einer gewissen Anstrengung verbunden, die dafür sorgte, dass der Rausch der ersten Sekunden ein wenig durch kognitive Prozesse des Beobachtens, Wertens, Speicherns, aber auch des Gehens ohne Stolpern verdrängt wurde. Mit einem gewissen Missbehagen bemerkte er das Entweichen der Hitze aus seinem Gesicht.

 

Wenn ich die Insel erreicht habe und auf die nächste Grünphase warten muss, werde ich wieder links neben ihr stehen und mich erneut verlieben, plante er.

 

Und da er mehr als nur Reste der ersten Wallung in sich spürte, ahnte er, dass es leicht sein würde. Immerhin hatte er beim ersten Warten nur ihre blonde Frisur aufgenommen und alles, was er dabei fühlte, vollständig auf sie übertragen. Beim nächsten Warten würde er sich in weit mehr verlieben können.

 

Die Verkehrsinsel war erreicht. Sie betrat vor ihm diese Bühne, die ihm Gelegenheit zu erneuter Hinwendung zu bieten versprach. Einige Menschen warteten am vorderen Rand auf die Überquerung der zweiten Straßenhälfte, Passanten, die bei der letzten Querung von einem roten Ampelmännchen brüsk von der Masse getrennt wurden, weil sie nicht schnell genug waren und deswegen auf der kahlen Insel wie Schiffbrüchige zurückgelassen wurden. Sie und er konnten daher nicht erneut an den Fahrbahnrand treten, sondern gerieten zwischen jene, die das Schicksal stehen gelassen hatte und solche, die ihnen folgten, in eine Menschentraube, die nichts anderes im Sinne hatte, als den Lichtbefehlen einer Ampel unbeteiligt zu gehorchen.

 

Während der Überquerung der ersten Straßenhälfte hatte er schon bemerkt, dass die anfängliche Wallung des Blutes einer aufkommenden Nüchternheit wich, die er zu vermeiden suchte. Nun aber wollte er die erlebte Hitze des Blutes erneut erzeugen und rückte in der Menschenmenge dicht an sie heran. Eine Berührung jedoch vermied er, obwohl er eine solche herbeisehnte. Er unterließ die so sehr gewünschte Annäherung, weil er nicht sicher war, ob sie von ihm abrücken würde. Er wollte nicht Gefahr laufen, eine derartige Strafe und Demütigung zu erleiden.

 

Ihr Gesicht kannte er immer noch nicht. Aber er merkte, wie sein Blut sich wieder erhitzte, wie die Verliebtheit zurückkehrte, wie sich seine Gedanken wieder in die schon einmal erlebte Unordnung begaben.

 

Einerseits begrüßte er die erneut einschießenden Hormone mit Wohlgefallen, andererseits brauchte er einen Plan. Er brauchte einen Plan. Er brauchte unbedingt einen Plan und dazu einen klaren Kopf.

Es blieb nicht mehr viel Zeit und das heiß geliebte rote Ampelmännchen, welches dem Augenblick Dauer verlieh, wurde durch ein aggressives grünes Männchen mit Stechschritt ersetzt, das allen auf dieser Insel der Seligen Beine machen würde.

 

Er brauchte dringend einen Plan. In der Aufgeregtheit der Endphase eines wunderbaren Inselaufenthaltes entwickelten sich in ihm die ersten unsicheren Fundamente eines Vorhabens, das bei der Überquerung der zweiten Straßenhälfte Wirklichkeit werden musste. Vielleicht keinen guten Plan. Irgendeinen Plan. Irgendetwas musste geschehen, bevor der feindliche Bürgersteig auf der anderen Seite erreicht sein würde und das Los die Schicksale zweier Menschen, die füreinander bestimmt waren, wieder auf getrennte Bahnen verwies.

 

Es gibt eben Augenblicke im Leben, da entscheidet eine winzige Weichenstellung, überschlugen sich seine Gedanken. Danach entwickelt sich das Leben wieder ohne eigenes Zutun. Aber in bestimmten, kurzen Momenten ist man gefordert. Ein solcher Moment ist jetzt, entschied er.

 

Es würde jetzt und im nächsten Augenblick nur auf ihn ankommen. Wie viele dieser Momente hatte er in seinem Leben schon versäumt? Was wäre alles anders verlaufen, wenn er in bestimmten Situationen dieses oder jenes so oder so entschieden hätte?

 

Sein Kopf war plötzlich vollkommen klar. Der Plan, die Absicht, das Vorhaben erforderten den ganzen Mann, seine Kühnheit, seinen Mut, das Leben in die Hand zu nehmen und sich nicht wieder fortspülen zu lassen. Er war bereit. Niemand hielt ihn mehr auf. Es galt ein Schiff zu entern, ein Land zu erobern, ein Mädchen anzusprechen.

 

Sein Plan forderte die sofortige Ausführung und ließ ihn daher ungeduldig das vorwärts ausschreitende Männchen herbeisehnen. Keine Zeit mehr verlieren. Jetzt und hier ist die Stunde und Sekunde. Er schielte noch einmal hinüber, um das Objekt seines Eroberungswillens kühl und so emotionslos wie möglich zu erkunden.

 

In diesem Moment leuchtete das grüne Männchen auf. Ihm erschien es, als sei endlich ein Schuss abgefeuert worden, der lange in der Startposition hockende Einhundert-Meter-Läufer auf die Strecke schickte, wo sie alles zu geben hatten.

 

Die Menschen setzten sich in Bewegung, kurze Zeit noch etwas zögerlich, dann rasch Tempo aufnehmend. Sie blickte geradeaus, den jenseitigen Bürgersteig im Blick. Er beschleunigte seinen Schritt, um sie gemäß Plan zu überholen, dann gemäß Plan seinen vollen und ungeteilten Blick auf sie zu richten und sie anzusprechen.

 

Was würde er sagen? Er wusste nicht, was er sagen würde. „Mein Plan ist nicht zu Ende gedacht“, ängstigte er sich. Er würde sie ansprechen, aber was würde er sagen?

 

„Ich kenne ihr Gesicht nicht, ich weiß nicht, was ich sagen soll, das ist nichts, das ist kein Plan, das ist absoluter Mist“, stieg es in ihm auf.

 

Auf der Mitte der zweiten Straßenhälfte war er ihr einen halben Schritt voraus. Er drehte seinen Kopf planmäßig nach rechts und schaute sie an. Er spürte die Sekunde der Entscheidung, die die Möglichkeit barg, aus ihm einen Sieger über sein Leben zu machen.

 

Sie wandte ihm kurz ihr Gesicht zu, zeigte ihm ihre zarten Gesichtszüge, das helle Gesicht, eine etwas spitze, nach oben gerichtete feine Nase, schmale Lippen, ganz kleine und wenige Sommersprossen hier und da und vor allem blaue, blaue, blaue Augen.

 

„Ich weiß nicht, was ich.... was ich... was ich... Entschuldigung... wie ich.... zum Bahnhof kommen soll“, stieß er mit seltsamer Stimme hervor, die ihm, da er jegliche Kontrolle über sie verloren hatte, sehr fremd erschien.

Ihre Miene ließ eine Spur Abweisung erkennen. „Tut mir leid, bin nicht von hier!“ sagte ihre feste Stimme, eine Wand unüberbrückbar aufrichtend.

 

Der Rest der Strecke bis zum ersehnten Bürgersteig war schnell zurückgelegt. Sie verlor sich in einer Menschenmenge, die nach rechts abbog. Er blieb stehen, suchte sie in der Masse der enteilenden Passanten auszumachen, scheiterte jedoch.

 

Alles, was das Leben ihm in den letzten Sekunden an Aufregung geschenkt hatte, entschwand. Er versuchte noch ein paar Augenblicke, das Erlebnis in die Erinnerung zu holen und sich ihr Gesicht vorzustellen. Je mehr er sich dabei bemühte, desto weniger gelang es.

 

Die Üblichkeit des Alltags schlich sich wieder heran und verabschiedete Erfahrungen, die nur für eine kurze Grünphase und nur in seiner Seele stattgefunden hatten, also eigentlich nicht wirklich existent gewesen sein konnten, nicht für die Menschen in dieser Stadt, nicht für diese Person und eigentlich auch nicht für ihn. Was hier passierte, ist nicht wirklich geschehen, beruhigte er sich. Die Rückkehr des Gewohnten vermittelte die bekannte Sicherheit. Es war nun Zeit, Land zu gewinnen und das Ausgebliebene dem Schicksal aufzubürden.

 

„Selber schuld,“ sagte er laut, meinte allerdings nicht sich, sondern diese „blöde Zicke“, richtete dabei seinen Blick zurück auf die Fußgängerampel, die in diesem Moment auf Rot wechselte.


Tuesday, 29. may 2012 2 29 /05 /Mai /2012 00:57

holzstruktur


Monday, 28. may 2012 1 28 /05 /Mai /2012 00:16
 
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum - Artikel mit den meisten Kommentaren